Ein Kommentar zur Sperre des Tuchlauben-Kinos in Zeiten steigender Kinobesucherzahlen von Peter Zawrel, Geschäftsführer des Filmfonds Wien und ehemaligem Vorsitzenden der Wiener Kinokommission.
Ein Wiener Traditionskino mehr sperrt zu, eines in bester Innenstadtlage. Die Constantin-Gruppe und die Signa-Holding haben sich geeinigt (- worüber eigentlich?). Herr Papousek meint, sich die Renovierung nicht leisten zu können, die nötig wäre, wenn Herr Benko die noble Shoppingmeile des Kohlmarktes in die Tuchlauben verlängert; und Herrn Benko passt ein Kino einfach nicht in sein Konzept, welches lautet: generalsanieren, Profit maximieren. Ein schöner Zirkelschluss also.
Der Witz an der Sache ist, dass beide ignorieren, dass ein Kino auch ein Objekt des öffentlichen Interesses ist. Als die Constantin von der Stadt Wien eine Kinoförderung erhalten hat, war es ihr sehr recht, ihre Kinos zum öffentlichen Interesse zu erklären. Aber das hat in Wien ja schon Schule gemacht, dass Kinos so lange gefördert werden, bis sie zusperren; pardon: zusperren müssen. Weil die Mieten zu hoch werden, weil anstehende Investitionen nicht leistbar sind (sagt wer?), weil der Profit nicht mehr stimmt. Lange wurde vom „Kinosterben" gesprochen. Die biologische Metapher hat suggeriert, dass Kinos kommen und gehen wie der Wald und schuld sind wir alle und keiner kann was tun dagegen.
Die meisten Wiener Kinos sind in den letzten zehn Jahren aber nicht einfach gestorben, sondern sie haben kräftige Sterbehilfe erhalten, versehen mit dem Rosenkranzgebet einer überaus engagierten, aber mangels legistischer Rahmenbedingungen ohnmächtiger Kinoförderung. Wenigstens das Metro-Kino wurde gerettet; wenigstens beim Gartenbau-Kino kann der Stadt Wien niemand dreinreden; wenigstens das Stadtkino leuchtet nach wie vor in den Schwarzenbergplatzhimmel. Und die Besucherzahlen steigen, und jene für den österreichischen Film erst recht. Die Sperre des Tuchlauben-Kinos ist ein reiner Willkürakt. Dieses Kino stirbt nicht, es wird vor Aller Augen ermordet.
Aber so geht es mit den Kinos, so geht es mit den alten Geschäften, und wenn bald alle Stadtzentren Europas gleich aussehen, umso besser, können die Touristen sich schneller zurechtfinden, schneller mehr Geld ausgeben. Oder doch nicht? Wo anders beschäftigt man sich damit, dass Innenstadtkinos den Umsatz in ihrer Umgebung erhöhen; analysiert man Zusammenhänge zwischen den Orten der Kultur und des Profits; werden alte Geschäfte, ihre Einrichtungen, ihre Fassaden unter Denkmalschutz gestellt. Auch Kinos. Weil das alles lebendige Faktoren unserer Kultur sind. Nirgendwo in Europa so sichtbar und erfolgreich wie in Barcelona, aber nicht nur dort.
Aber hoppla: Ein Kino soll ein Ort der Kultur sein? Hierzulande nur, wenn's einem Förderungen einträgt. Sonst nicht. Wer will es Herrn Benko vorwerfen, dass ein Kino nicht in sein Konzept passt? Mit 23 ein dachbodenrenovierender Einzelunternehmer in Innsbruck, mit 30 ein Top-Unternehmer, ein Top-Investor, ein Immobilientycoon, der „neue Wlaschek" vielleicht sogar - wo blieb da die Muße, um Film und Kino als Bestandteile einer Kultur zu erkennen? Warum sollte er es in der Schule gelernt haben, wenn wir alle es nicht in der Schule gelernt haben? Weil wir das Pech haben, nicht in Frankreich oder Dänemark oder Italien zur Schule zu gehen, sondern in einem Land, dessen Bildungssystem den Film nicht kennt, dessen Hochkultur pikiert die Augenbraue hebt, wenn von Avataren die Rede ist statt vom neuen Burgtheaterdirektor.
Haneke aber schon. Das ist was. Österreichischer Film, na ja. Muss ja sein. Wegen der Identität im ORF. Europäischer Film? Hat nicht der Woody Allen in Barcelona gedreht? Aber Weihnachten steht ja vor der Tür, die Stille Zeit kommt, Zeit zum Nachdenken, vielleicht auch für die Zusperrer und Generalsanierer, zum Beispiel über den Zusammenhang von Haneke und dem Tuchlaubenkino, von Kultur und Profit, und über den Luxus. Um den geht es Herrn Benko ja, heißt es, beim Wohnen (Luxushotel Am Hof), beim zukünftigen Shoppen auf der Tuchlauben. Der einzige lebensnotwendige und nachhaltig wirkende Luxus ist aber jener, dass wir uns „Kultur" leisten. Auch im Kino.
Peter Zawrel, Geschäftsführer des Filmfonds Wien